Wir waren im Wahlkampfurlaub. Wir, also drei Kakteen aus Münster, sind für drei Tage nach Brandenburg und Berlin gefahren, um für die Grünen Landtagswahlkampf zu machen und auch ein bisschen Urlaub zu genießen.

Glücklicherweise ist unsere Planung super mit einer Bustour der GJ Brandenburg zusammengefallen. Jana und Robert hatten sich eine abwechslungsreiche zweitägige Tourkonzeption einfallen lassen, die meiner Meinung nach, bis auf ein paar kleine Punkte, sofort als Blaupause für weitere Wahlkämpfe übernommen werden. Der Bundesvorstand wurde von Jonas vertreten, der wie wir als Wahlkampfunterstützung aus dem Westen mithalf.

Aber jetzt zu der Reise. Nach einer Fahrt in den Fernverkehrszügen der Deutschen Bahn hat man hinterher immer ein paar Anekdoten mehr auf Lager (bei einer Autofahrt kann man meistens nur erzählen: „Wir standen 2,5 h hinter Hannover im Stau!“), so auch bei uns. Auf der Hinfahrt wurden wir von einem peitschenden Geräusch unter unserem Waggon erschreckt, welches in unregelmäßigen Abständen wiederkehrte und sporadisch von Funkenflug begleitet wurde. Nach einem einstündigen Aufenthalt in Bünden stellte sich heraus, dass sich ein Stromkabel gelöst hatte. Als wir in Hannover in einen Ersatzzug wechselten, konnten wir auf dem Einstieg dieses Kabel sehen, wie es mit ein paar Kabelbindern befestigt worden war. Auf dem Rückweg konnten aufmerksame Reisende eine wilde Verfolgungsjagd zweier Mäuse quer durch das Gleisbett am Hamburger Hauptbahnhof genießen.

Auch wenn ich meine beiden Mitfahrerinnen schon vorher sehr mochte, so waren wir noch nie zusammen im Wahlkampf unterwegs. Wir haben alle als wundervolles Team harmoniert. Nach diesem Einstieg würde ich gerne jeden Wahlkampf mit ihnen durchziehen. Das Feingefühl und die Achtsamkeit haben uns älteren Hasen auf jeden Fall gut getan.

Unterwegs im Tourbulli wurden schlechte Witze, interessante Ideen und lustige Anekdoten auf den beiden Rückbänken geteilt, während die erste Reihe mit “wichtigen“ Dingen, wie lenken, navigieren und mit den Leuten vor Ort kommunizieren, beschäftigt war. Die zum Teil grottige Tonkulisse (Scheißmusik bleibt schlechte Musik, auch wenn sie ironisch gehört wird), wurde durch die schönen Hinweise von Ortskundigen aufgefangen. Wir haben Brandenburg und Berlin so auf eine ganz besondere Weise betrachten können, die wir alleine nie gehabt hätten.

 

Während unserer Bustour konnten wir viele unterschiedliche Aspekte eines Wahlkampfes erleben. Unsere Route führte uns von Potsdam in die Wahlkreise Uckermark I, Oberhavel, Teltow-Fläming und wieder nach Potsdam. Wegen unserer Gruppengröße teilten wir uns immer wieder auf. Teilweise konnten wir aber trotzdem die gleichen Aufgaben übernehmen, wie zum Beispiel beim Briefkastenwahlkampf, an anderer Stelle wäre das nicht sinnvoll gewesen. So kam es, dass eine Gruppe mit unserem Kohlebanner einen Wahlkampfstand betrieb und die andere parallel die Stadt mit Plakaten verschönerte. Auch Haustürwahlkamp war nicht alternativlos, sondern wurde ebenfalls von einer großflächigen Plakatieraktion begleitet. Bei einer Gelegenheit wurden die Plakatierenden sogar beklatscht und bejubelt, wobei wir uns nicht einig geworden sind, inwieweit das ironisch war. Vom krassen Gegenteil berichtete man uns, nach unserer Heimkehr, vom Wahlkampfurlaub in Sachsen, wo alle Aktionen von Polizeischutz begleitet wurden.

Prominenzhöhepunkt unserer Tour war die Townhall mit Annalena am ersten Abend, bei der wir ein wenig beim Auf- und Abbau halfen. Einigkeit herrschte hier, dass wir uns für unsere Schulzeit eine ebenso gut ausgestattete Grundschule gewünscht hätten (meine Highlights: optionale Stehtische und die energietechnische Goldzertifizierung des Gebäudes). Am nächsten Morgen mussten wir aber schon ab 7 Uhr im Pendelverkehr flyern. Klingt grundsätzlich nicht so früh, allerdings brauchen 11 Leute in 11/2 Bädern morgens entsprechend lange. Das war jedoch nur halb so schlimm, weil wiedereinmal gezeigt wurde, dass meine Idee einer Kaktusdemoband nicht an dem musikalischen Talent der Kakteen scheitert. Nach Abschluss der Tour besuchten wir zu dritt noch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock und kosteten von der veganen Seele Berlins.

Unseren immerwährenden Dank haben sich die beiden Personen verdient, die uns Nahrung in Stunden größter Not gewährten. Ebensolcher Dank gebührt auch den Leuten, welche uns bei sich einquartiert haben oder bei denen wir pennen durften.

Als wir schon wieder mit gepackten Sachen im Zug Richtung Münster saßen, hatten die anderen noch die zwei härtesten Wochen des Wahlkampfes vor sich. In Brandenburg und Sachsen haben die Grünen endlich Chancen Direktmandate in manchen Wahlkreisen zu holen. Mehrere GrüneJugendmitglieder und Direktwahlkandidat*innen konnten wir auf unserer Reise unterstützen. Grüße gehen raus an Julia, Martin und Philipp. Ihr unermüdlicher Einsatz für die Partei und eine bessere Politik lässt jedes Engagement im Wahlkampfurlaub alt aussehen. Das gilt natürlich auch für die anderen Brandenburger*innen, mit denen wir unterwegs waren.

Jetzt ist die große Frage: Warum schreibt jemand so einen ewiglich langen Bericht über drei kurze Tage Wahlkampf? Die Antwort ist zweigeteilt und trotzdem sehr simpel. Einerseits möchte ich zeigen, dass die Rekordergebnisse der Grünen nicht vom Himmel fallen, sondern es Leute gibt, die dafür arbeiten. Die wissenschaftlichen Ergebnisse für unsere Politik sind alle schon da, aber die Menschen, die machen den Unterschied! Auf der anderen Seite soll der Text auch an alle Daheimgebliebenen ein Aufruf sein; macht Politik über euren Tellerrand hinaus. Überregional statt lokal. Es war super schön und es hat sich gelohnt. Die zweite Runde Wahlkampfurlaub wird geplant, macht einfach mit.

NR mit MS und TE