Prof. Dr. Paul Cullen ist Laborleiter eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) in Münster. Er ist Facharzt für Laboratoriumsmedizin im Bereich Innere Medizin. Im Zusammenhang mit seiner benannten leitenden Funktion ist er während der COVID-19-Pandemie bereits mehrfach zu seiner Meinung befragt worden. Als außerplanmäßiger Professor gibt er außerdem regelmäßig Vorlesungen an der medizinischen Fakultät der Universität Münster.

Dr. Cullen ist außerhalb dieser Tätigkeiten jedoch vor allem für seine Bemühungen bekannt, den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen so schwer wie möglich zu machen und sie für alle Beteiligten zu kriminalisieren. Er ist im Vorstand des „Bundesverbandes Lebensrecht“ tätig, der offen die Extremposition des Lebensbeginns „ab der Zeugung“ propagiert und somit „jährlich zigtausendfache Tötungen“ in Schwangerschaftsabbrüchen sieht.

Er ist auch Vorstand des Vereins „Ärzte für das Leben e.V.“, der in seinen Pressemitteilungen Stimmung nicht nur gegen Schwangerschaftsabbrüche, sondern auch gegen die Pille danach macht. Betroffene sollen demnach gezwungen werden, die Schwangerschaft auszutragen.

Die Plattformen, auf denen zahlreiche seiner Artikel und Kommentare veröffentlicht werden, sind die erzkonservativen religiösen Webseiten kath.net und idea.de. Die erstere bietet auch bekannten Homo- und Transfeinden wie z.B. Ulrich Kutschera eine Bühne, der wegen Beleidigung von Homosexuellen verurteilt wurde. Beide stellen sich mit ihren Artikeln offen gegen sexuelle Selbstbestimmung. Paul Cullen reiht sich somit in eine ideologische Querfront von LGBTIQ-Feinden wie Ulrich Kutschera und erzreligiösen Webseiten ein. Sie alle verbindet das Ziel der staatlich und gesellschaftlich erzwungenen Kontrolle über Menschen mit Gebärmüttern.

Im Widerspruch zu ihrem selbsternannten Ziel des „Lebensrecht für alle“, geht es den Vereinen, denen Cullen angehört nicht um eine geeignete medizinische Versorgung aller. Ungewollt Schwangeren möchten die Vereine nämlich eine gesundheitliche Versorgung entziehen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass jedes Jahr etwa sieben Millionen Betroffene wegen Komplikationen durch unsichere Schwangerschaftsabbrüche behandelt werden müssen. Sie fordert daher umfassende Sexualaufklärung, einen leichten Zugang zu Verhütungsmitteln und Notfallverhütung sowie die Bereitstellung sicherer und legaler Wege zu Schwangerschaftsabbrüchen.

Im Gegensatz dazu führt eine Kriminalisierung, wie sie sowohl gemäßigte als auch radikale Vertreter*innen der Anti-Choice-Bewegung wie Paul Cullen verfolgen, nicht zu einer tatsächlichen Abnahme von ungewollten Schwangerschaften oder Schwangerschaftsabbrüchen. Sie bewirkt vor allem eine erhöhte Müttersterblichkeit. Ungeachtet dessen, dass Schwangere in jedem Fall frei über die Fortführung einer Schwangerschaft entscheiden können sollten, bringt die Ideologie der „Ärzte für das Leben“ besonders Personen in Lebensgefahr, bei denen es während der Schwangerschaft zu Komplikationen kommt.

Als Jugendorganisation einer politischen Partei in der Stadt Münster sind wir als Kaktus nicht Teil der Hochschule. Hochschulpolitik und Stellenbesetzungen sollten allein Sache der Universität sein.

Inwiefern Professor Cullen auf seinem eigentlichen Fachgebiet wissenschaftlich kompetent ist, können wir nicht beurteilen. Fakt ist aber, dass er bei der Thematik der Schwangerschaftsabbrüche Thesen vertritt, die gegenwissenschaftlich sind und für Schwangere lebensgefährdend. Obwohl Cullen keine Vorlesungen zu Gynäkologie liest, erhält er durch die Lehrtätigkeit an der Universität Münster Glaubwürdigkeit bei seinen gegenwissenschaftlichen öffentlichen Äußerungen zu Schwangerschaftsabbrüchen. Nicht umsonst legt er Wert darauf, dass auf den Webauftritten der Gruppierungen, denen er vorsitzt, seine Lehrtätigkeit an der Universität Münster offensiv „vermarktet“ wird.

Wir sehen die Gefahr, dass seine starke Überzeugung der „Lebensschützer*innenbewegung“ auch in die universitäre Lehre einfließt. Cullens Vergleiche von Schwangerschaftsabbrüchen mit der Sklaverei im 18. Jahrhundert oder eine Bezeichnung als „Massentötungen ungeborener Kinder“ zeugen von einer Einstellung, die mit einer sachlichen Forschung und Lehre nicht vereinbar ist.

Auch die Säkularität der Universität ist gefährdet: Als Mitglied des Vorstands des Bundesverbands Lebensrecht vertritt Cullen unter Anderem „Treffen Christlicher Lebensrecht-Gruppen e. V. (TCLG)“ und „Weißes Kreuz e.V.“, die sich in Ihrer Ablehnung von Abtreibungen eindeutig auf „christliche Werte“ berufen. Wir sehen an einer medizinischen Fakultät keinen Platz für Einflüsse einer erzreligiösen oder ultrakonservativen Weltanschauung. Gynäkologie muss auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen.

Angesichts der angeführten Argumente ziehen wir als Kaktus – Grüne Jugend Münster den Schluss, dass Paul Cullens Positionen mit der Universität Münster unvereinbar sind. Oder, wie es die in Schwangerschaftsabbrüchen und Familienplanung erfahrene Ärztin Kristina Hänel uns gegenüber formuliert hat:

„Paul Cullen steht für eine Organisation, die bereits die jetzige gesetzliche Regelung Deutschlands ablehnt. In seiner Vorstellung gibt es keinen akzeptablen Grund für eine Frau einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen. Würde sich diese Haltung durchsetzen, würden wieder unzählige Betroffene mit dem Leben bezahlen. Diese letztlich lebensfeindliche Haltung halte ich für undemokratisch.“

Beschlossen im Kaktusplenum am 03.12.2020